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Dominique de Marné

Über den Tellerrand: Veränderungsbedarf der Selbsthilfe

Zu Besuch bei uns in der Landesgeschäftsstelle des Paritätischen Bayern ist die Bloggerin und Mental Health Advocate Dominique de Marné. Wir trinken zusammen Kaffee und sprechen darüber, was Selbsthilfe für sie bedeutet und wie sie diese lebt. Sie beschreibt welcher Veränderungsbedarf der Selbsthilfe besteht und warum es wichtig ist, über den Tellerrand zu schauen. Ein Gespräch, welches inspiriert, motiviert und wachrüttelt.

WIR hilft: Du engagierst dich für die Seelische Gesundheit. Woher kommt deine Motivation, dich in genau diesem Themenfeld stark zu machen?

Dominique: Mein Engagement hat in der Klinik angefangen, als ich in der stationären Therapie war. Nach zehn Jahren Krankheit wusste ich endlich, was mit mir los war. Das war eine riesen Erleichterung. Nicht ich bin der Fehler, sondern es gibt einen Grund dafür. Ich habe das sofort so akzeptiert – als Krankheit.

In der Klinik habe ich gesehen, dass das gar nicht selbstverständlich ist. Viele andere haben trotz ihrer Diagnose die Fehler weiter bei sich gesucht und wollten mit niemandem über ihre Krankheit sprechen. Über Diabetes oder Krebs wird doch auch gesprochen.

Da habe ich gemerkt, wie absurd unser Umgang mit diesem Thema ist. Und wie sehr es die Betroffenen stigmatisiert. Mein Beschluss stand fest: Daran möchte ich etwas ändern!

Wie groß ist der Veränderungsbedarf?

Nach und nach habe ich gemerkt, wie groß das Problem eigentlich ist: Jeder Dritte hat mindestens einmal im Leben eine psychische Krise, die behandlungsbedürftig ist. Ein Drittel! Das sind 27 Millionen Menschen in Deutschland. Und wir reden alle nicht darüber!

Weil wir nicht darüber geredet haben, hat es zehn Jahre gedauert, bis ich meine Diagnose hatte. Und vielen vielen anderen Menschen da draußen geht es auch so. Ihnen geht es schlecht. Sie wissen nicht, was mit ihnen los ist. Und sie bekommen keine Hilfe. Das muss sich ändern! Deshalb ist es zu meiner Mission geworden.

Was ist dir in deinem Engagement wichtig? Viele Engagierte antworten auf diese Frage ‚arbeiten im Team‘ oder ‚gemeinsam etwas bewegen‘. Was ist es bei dir?

Ich brauche das Allein-Arbeiten. Durch meine Krankheit kann mir ein Team schnell zu viel werden. Ich habe nach und nach gemerkt, dass mir die Reaktionen von außen viel bedeuten. Und wenn es auch nur eine Dankesmail ist, weil endlich mal jemand redet.

Es ist mir wichtig, dass ich mit dem, was ich mache, viele Menschen abhole. Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich kann ein Türöffner sein. Echt zu bleiben, ist mir wichtig, und auf mich zu achten.

Was ist für dich Selbsthilfe?

Einfach mal sagen zu können, was man gerade denkt. Ein Raum, wo man sich fallen lassen kann. Wo es andere gibt, die sagen: „Ja, ich verstehe dich!“ Das ist das wichtige an der Selbsthilfe.

Ich habe erst im letzten halben Jahr verstanden, dass das, was ich tue, auch Selbsthilfe ist. Am Anfang dachte ich sehr klein: Selbsthilfe muss Selbsthilfegruppe sein. Aber ich sehe die enormen Möglichkeiten, die die sozialen Medien der Selbsthilfe bieten. Da habe ich meine ersten Erfahrungen gesammelt. Ich habe angefangen zu schreiben, und auf einmal melden sich Menschen mit den gleichen Symptomen bei mir oder mit den gleichen Diagnosen. Man stellt fest, wie viel man gemeinsam hat. Und wie gut es tut, sich mal mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das war erst gar nicht meine Intention.

Aus eigener Betroffenheit agieren und sich für andere engagieren, gehört zur Selbsthilfe. Diese ist bei uns im Paritätischen ein Teil des Bürgerschaftlichen Engagements. Welche Rolle schreibst du der Selbsthilfe in der Gesellschaft zu?

Eine enorm große! Aus diesem gemeinsamen Austausch erwachsen Energien. Man denkt, man ist mit seinen Problemen alleine. Und auf einmal sieht man, dass da draußen tausende Menschen sind, die einen verstehen. Und daraus wächst dann eine ganz andere Power. Wenn wir so viele sind, vielleicht können wir ja etwas verändern. Das ist es, was aus der Selbsthilfe folgt: der Wunsch, die Gesellschaft zu verändern. Ich habe die Hoffnung, dass wir durch meine Arbeit immer mehr werden und etwas verändern können in der Gesellschaft.

Selbsthilfe ist ein großes Themenfeld. Wo siehst du Veränderungsbedarf der Selbsthilfe?

In der Kommunikation zwischen den Generationen. Ganz klar! Die Zeit, in der die beiden Generationen voneinander lernen können, wird immer kürzer. Die jüngere Generation kann von der älteren profitieren. Da ist so viel Vorarbeit geleistet worden. Da ist so viel Wissen, wie alles funktioniert, z.B. über die Förderstrukturen.

Die jüngere Generation macht viel über soziale Medien und über das Internet. Aber nicht, weil sie die Angebote der älteren Generation gar nicht nutzen wollen, sondern weil sie gar nicht in Kontakt damit kommen. Hier ist ganz klar der Veränderungsbedarf der Selbsthilfe.

Wie kann dieser Austausch entstehen?

Es ist nicht die Aufgabe einer Gruppe oder einer Organisation, diesen Austausch hinzubekommen. Jeder Einzelne muss überlegen, was kann ich dafür tun. Wenn die jungen sagen, die alten müssen auf uns zukommen, und die alten sagen, die jungen müssen – dann funktioniert es nicht. Es müssen alle als Gewinn sehen, dass wir uns austauschen und voneinander lernen. Vielleicht kann auch ein Dachverband versuchen, die Generationen gezielt an einen Tisch zu bringen und Austauschmöglichkeiten zu schaffen.

Wenn diese beiden Generationen nicht bald mal anfangen zu reden, zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen, dann haben wir eine Riesenchance verpasst!

Braucht es die Selbsthilfegruppe noch, wenn sich die jüngere Generation Unterstützung in der Online-Community holt?

Selbsthilfegruppen sind weiter wichtig. Die wird auch Instagram nie ersetzen können. Bei vielen gibt es die Angst, dass sich die Menschen dann nur noch virtuell treffen. Ich sehe die sozialen Medien nicht als Konkurrenzangebot, sondern als Ergänzung.

Ich hoffe, dass ich da ein Brückenbauer sein kann. Es braucht uns alle!

Was macht für dich eine gute Gruppe aus, die du für dich hilfreich fändest?

Es ist schwer zu sagen, woran ich eine gute Gruppe erkennen würde. Ich hab mir insgesamt zehn Gruppen angesehen in Hamburg und in München. In München sind die Selbsthilfegruppen überaltert. Gemischte Gruppen haben was Großartiges. Viel hängt aber von der Gruppe und der Gruppendynamik ab.

Es braucht Offenheit. Manche Gruppen treffen sich schon sehr lange und verschließen sich gegenüber neuen Mitgliedern. Das macht es einem Neuen ziemlich schwer. Da fehlt die Metakommunikation – also nicht nur die Fragen: „Was sind deine Krankheiten und warum bist du hier?“ sondern auch: „Wie geht es dir damit, dass du hier bist? Was können wir tun, damit du dich bei uns wohlfühlst?“ – Diese offene, freie Kommunikation, die online leichter ist. Es gibt so viele Kleinigkeiten, wie man es neuen Mitgliedern leichter machen kann.

… und weil das Thema so interessant und spannend ist können wir gar nicht genug bekommen! Teil 2 des Interviews mit Dominique folgt in Kürze. Dominique beantwortet Fragen über mögliche, gegenseitige Lernprozesse der etablierten gemeinschaftlichen Selbsthilfe und der jungen Blogger-Szene. Was rät sie gemeinnützigen Organisationen in puncto Präsenz in den sozialen Medien und welche Pläne hat sie persönlich für Ihre Zukunft? Ihr merkt: das Warten lohnt sich!

Foto: Privat

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